Kontakt  |  Login  |  Suche

 
Pressemeldung

Entlastung für Hausärzte - "Besuchsärztin" in Lingen: Offenes Ohr beim Blutdruckmessen

Lingen. Die Flure des Stephanushauses in Lingen sind weihnachtlich geschmückt. Es ist Mittwoch, der Tag, an dem die Visite auf der Station A des Pflegeheims durch die „Besuchsärztin“ Katharina Alex auf dem Plan steht.

Untersuchungen sind auch im Aufenthaltsraum möglich. Besuchsärztin Katharina Alex bei der Visite im Stephanushaus. Unterstützt wird sie von Lena Laikam. Fotos: Caroline TheilingEhe es zu dieser Station geht, müssen noch einige Patienten auf anderen Etagen „besucht“ werden, bei denen akute Probleme bestehen. „Ich brauche Sie gleich noch.“ Ein Satz, den die Ärztin fast bei jedem Besuch im Stephanushaus hört. An diesem Tag ist es Brigitte Düsen, die stellvertretende Pflegedienstleiterin, die Gesprächsbedarf wegen einer Bewohnerin hat.

Die Hausarztpraxen sollen durch die Arbeit der „Besuchsärztin“ entlastet werden. Alex kennt die Probleme in der Versorgung von Heimbewohnern aus eigener Erfahrung. Mehrere Jahre hatte sie eine eigne Praxis in Osnabrück, ehe sie vor acht Jahren nach Lingen kam, wo sie mit ihrem Mann und drei Kindern lebt. Aus Zeitmangel fanden Hausbesuche mal eben schnell zwischendurch oder nach der eigentlichen Sprechstunde statt. Oder sie wurden hinausgezögert und verschoben. Das verlagerte dann manchmal die Probleme in den Bereitschaftsdienst. Der diensthabende Kollege dort kennt den Patienten aber nicht. „Das habe ich selbst mehrfach erlebt“, berichtet Alex. „Und das führt dann bei allen Beteiligten zu Unzufriedenheit.“

Im Schnitt sieht sie an den Tagen der Visite 20 Personen, plus die, die außerplanmäßig dazukommen. Dabei steht Alex in regelmäßigem Kontakt zu den Hausärzten, die noch am selben Tag per Mail über die Untersuchung informiert werden.

Fester Händedruck

Visite bei Fritz Kleinert. Katharina Alex ist mit dem Gesundheitszustand des Bewohners zufrieden.Die erste Patientin auf Station A ist an diesem Tag Anna Woitek. Die alte Dame berichtet stolz vom Besuch des Sohnes aus Oldenburg, der ihr ein Vogelhaus mitgebracht hat. Aus dem Fenster ihres Zimmers kann sie jetzt immer den Vögeln beim Körnerpicken zusehen. Während sie das erzählt, wird der Blutdruck gemessen sowie Herz und Lunge abgehört. Ihr geht es heute recht gut, und sie würde gern noch mehr mit Katharina Alex plaudern. Doch es stehen noch weitere Bewohner auf dem Plan für heute.

Auch Maria Furthmann, die nächste Patientin, fühlt sich an diesem Tag ganz wohl. Das war nicht immer so. Nach mehreren Krankenhausaufenthalten hat sie sich in dem Wohnheim erholt und inzwischen auch gut eingelebt. „Zu Hause komme ich allein nicht mehr zurecht“, weiß die Seniorin und fügt freudig hinzu: „Hier wird mir jeder Wunsch von den Augen abgelesen.“

Auf dem Flur kommt ein älterer Herr mit einem Rollator entgegen. Er lebt schon seit vier Jahren in der Einrichtung. Nach einem leichten Schlaganfall fiel ihm das Gehen schwer. Jetzt klappt es aber schon besser. Er steht heute nicht auf dem Besuchsplan. Trotzdem wird kurz haltgemacht. Die Ärztin reicht ihm die Hand und fordert ihn auf, fest zuzudrücken. Auch dabei macht der ältere Herr Fortschritte. Mit einem Lächeln verabschiedet er sich und schiebt weiter.

Nicht alle Bewohner sind an diesem Vormittag in ihren Zimmern. So kommt es, dass auch mal auf dem Flur der Blutdruck gemessen wird, während drinnen das Personal für Sauberkeit sorgt. Einige Patienten trifft Katharina Alex im Aufenthaltsraum an. Man kennt sich und hat kein Problem damit, auch hier einmal abgehört zu werden.

Weitere Behandlung

Während der gesamten Visite ist Lena Laikam von der Stationsleitung dabei. Sie ist eine wertvolle Unterstützung für die Ärztin, da sie die Bewohner täglich sieht und wichtige Zusatzinformationen liefern kann, beispielsweise über das Essverhalten oder über besondere Ereignisse wie den Sturz einer Frau. Das alles wird sofort von Alex im Laptop protokolliert – für den Hausarzt und als Grundlage für die weitere Behandlung.

So geht ein arbeitsreicher Vormittag zu Ende. Schon Anfang Januar wird die Besuchsärztin sehen, wie gut ihre Patienten von Station A die Weihnachtsfeiertage überstanden haben. Doch bis dahin hat ihr Stundenplan noch zahlreiche Visiten in den verschiedenen Heimen vorgesehen. Und in der Familie ist sie ja auch noch als Mutter und Ehefrau gefragt.

Zur Sache
Die Idee eines „Besuchsarztes“

Die Idee des „Besuchsarztes“ ist innerhalb des „Gesundheitsnetzes im Altkreis Lingen“ (Genial) im Mai 2012 entstanden. „Das ist im Grunde eine Anregung aus den Praxen“, sagt Wolfgang Hentrich, Vorstandsvorsitzender von Genial, dem Zusammenschluss von mehr als 50 Haus- und Fachärzten.

Die Versorgung von Heimbewohnern macht viel Arbeit. So kam die Frage auf: Kann man das nicht anders organisieren? Mit dem Konzept trat das Ärztenetz an die Kassenärztliche Vereinigung (KV) Niedersachsen heran. Nach anfänglicher Skepsis unterstützte die KV das Projekt und führte die Verhandlungen mit den Kassen. Mit Erfolg: Alle niedersächsischen Kassen beteiligen sich an dem Modell. Alle Heime im Stadtgebiet von Lingen, außer dem Kursana, sind daran beteiligt.

Im Alltag sieht das Ganze so aus: Katharina Alex ist mit 16 Stunden beim Gesundheitsnetz Genial angestellt. Wenn sie eine Visite bei einem Heimbewohner gemacht hat, rechnet die Hausarztpraxis des Patienten diesen anschließend mit der KV ab. Genial stellt der Praxis den Hausbesuch dann in Rechnung. Nach einem „festen Stundenplan“ führt Katharina Alex alle drei Wochen bei den Bewohnern eine Visite durch. Diese regelmäßigen Untersuchungen helfen allen Beteiligten dabei, Erkrankungen frühzeitig zu erkennen und nicht zu verschleppen. ct

Quelle: http://www.noz.de/lokales/lingen/artikel/533833/besuchsarztin-in-lingen-offenes-ohr-beim-blutdruckmessen#gallery&0&0&533833
Erschienen am 29. Dezember 2014 in der Lingener Tagespost (Autor: Caroline Theiling Brauhardt)



[zurück zum Gesamtüberblick]